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Der Alpenbock Rosalia alpina (LINNAEUS, 1758)


Text © Klaas Reißmann, 2010


Einführung    Verbreitung    Lebensweise    Häufigkeit    Schutz    Dank    Quellen   


1.   Einführung

Der Alpenbock dürfte wohl einer der bekanntesten Käfer der europäischen Fauna sein, nicht nur, weil er mit seiner schwarz-blauen Färbung und den auffälligen schwarzen Haarbüscheln der mittleren Fühlerglieder sicherlich zu den schönsten, und mit bis zu 40 mm zu den größten Käfern unserer Fauna zählt, sondern auch, weil ihn der massive Bestandsrückgang in der Vergangenheit in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt hat. Die intensive Nutzung der Buchenwälder zur Gewinnung von Feuerholz und Holz für Möbel, aber auch falsch verstandene Waldpflege, in deren Zuge Totholz aus unterschiedlichsten Gründen rigoros entfernt wurde, haben dem Alpenbock in weiten Teilen Europas die Lebensgrundlage entzogen, so dass er vielerorts bereits kurz vor der Ausrottung stand.

Rosalia alpina, Weibchen
Das Weibchen von Rosalia alpina. Man beachte die kürzeren, dickeren Fühler mit Haarbüscheln bis zum 7. Fühlerglied sowie die einfachen Mandibeln

Die wunderschöne Färbung des Alpenbockes erschließt sich erst unter der Vergrößerung. Der Käfer an sich ist einfarbig schwarz. An der Basis der Flügeldecken sind schon mit bloßem Auge viele glänzend schwarze Körnchen erkennbar. Der größte Teil des Körpers ist mit einer dichten Tomentierung bedeckt, die aus sehr feinen hellblauen, blaugrauen und tiefblauen Haaren besteht. Der schwarze Fleck des Halsschildes und die Flecken der Flügeldecken sind ebenfalls mit einer feinen und dichten, aber schwarz gefärbten Tomentierung versehen, die den Flecken ihr samtiges Aussehen verleiht.

Rosalia alpina, Männchen
Das Männchen von Rosalia alpina. Man beachte die längeren, dünneren Fühler mit Haarbüscheln bis zum 5. Fühlerglied sowie die gezähnten Mandibeln

Die Nominatform ist blau gefärbt mit je drei schwarzen Flecken auf den Flügeldecken und einem schwarzen Fleck mittig am Halsschildvorderrand. Die Größe der schwarzen Flecken auf den Flügeldecken variiert sehr stark. Sie können vergrößert oder verkleinert sein, teilweise oder komplett zusammen fließen oder auch fehlen.

Johann Jakob Scheuchzer (links) und Carl von Linné
Johann Jakob SCHEUCHZER (1672-1733) und Carl von LINNÉ (1707-1778)

Diese enorme Variabilität des Alpenbocks hat dazu geführt, dass über 100 Aberrationen beschrieben und auch benannt wurden. Unter den auffälligsten, aber auch seltensten, sind die Extremformen Rosalia alpina a. unicolor, die ganz blau gefärbt ist, und Rosalia alpina a. croissandeaui, die fast ganz schwarz ist. Darüber hinaus gibt es auch Formen, die an Stelle der blauen Färbung blass rosarot gefärbt sind.

Carl von LINNÉ, der Begründer der binären Nomenklatur, beschrieb Rosalia alpina 1758 erstmals anhand eines Belegexemplars, welches von Johann Jakob SCHEUCHZER am 12.07.1703 in der Schweiz im Taminatal zwischen Valens und Vättis im Sarganserland, heutiger Kanton St. Gallen, gefunden wurde. Der Artname "alpina" weist darauf hin. Er wurde dem Lateinischen entlehnt und bedeutet übersetzt "auf den Alpen lebend", obwohl dieser Name irreführend ist, da Rosalia alpina in seinem Verbreitungsgebiet bei Weitem nicht auf die Alpen beschränkt ist.



2.   Verbreitung

Verbreitung von Rosalia alpina Die Verbreitung des Alpenbocks erstreckt sich über Mitteleuropa und Südeuropa. Die Pyrenäen markieren in etwa die südwestliche Verbreitungsgrenze. Die südwestlichsten Meldungen resultieren aus den spanischen Provinzen Asturien, Kantabrien, aus dem Baskenland, Navarra, Aragonien und Katalonien. VILLERS (1946) erwähnt die Art für Nordafrika mit keinem Wort. DEMELT (1957) nennt Rosalia alpina für Nordafrika aus dem Atlasgebirge, jedoch ohne Angabe einer Quelle und geht, vermutlich in Unkenntnis, mit keinem Wort auf die Nordafrikafauna von VILLERS ein. SAMA (2002), ein hervorragender Kenner der nordafrikanischen Bockkäferfauna, schätzt die Meldung als irrtümlich ein (BENSE schriftl. Mitt.), so dass Rosalia alpina für Nordafrika wohl zu streichen ist, auch wenn HORION (1974) die Art ebenfalls für Nordafrika nennt. Rosalia alpina kommt bis in den äußersten Süden Italiens vor, ebenso auf den Inseln Sizilien und Korsika, entgegen anderer Meinungen aber wohl nicht auf Sardinien. Im Südosten reicht das Verbreitungsgebiet von Griechenland und Bulgarien bis in die Südosttürkei, wo der Käfer durch die Unterart Rosalia alpina syriaca PIC, 1894 vertreten wird. Die südosttürkischen Bereiche sind aber nach SAMA (2002) möglicherweise heute nur noch reliktär, die Art dort also vermutlich ausgestorben, womit das aktuelle Verbreitungsgebiet nicht mehr ganz so weit reichen würde. Verschiedene Autoren nennen noch Jordanien, Israel, Palästina und Syrien, was nach der aktuellen Fauna von Israel nach SAMA (2002) und SAMA et al. (2010) nicht richtig zu sein scheint (BENSE schriftl. Mitt.) und zumindest als fraglich einzustufen ist. Im Nordosten der Türkei markiert der Kaukasus die Verbreitungsgrenze, wobei der Alpenbock um das gesamte Schwarze Meer herum vertreten zu sein scheint. Die nördliche Verbreitungsgrenze verläuft durch Nordfrankreich, wo die Art nur noch sehr inselartig verbreitet ist, und das südlichste Deutschland, über Tschechien nach Polen. Polen markiert die nordöstlichste Verbreitungsgrenze. Im Osten reicht das Areal über die Slowakei, Ungarn, Rumänien und die Ukraine bis nach Russland hinein. LAGUNOV und NOVOZHENOV melden die Art 1996 für die Umgebung von Jekaterinenburg aus dem Ilmen natural reserve (Westsibirien, etwa mittlerer Ural). SHAPOVALOV sammelte ein Exemplar am 13.07.2008 in der Orenburg Region im südlichen Ural (BENSE schriftl. Mitteilung). Somit markiert der mittlere und südliche Ural die derzeitige Ostgrenze des Verbreitungsgebietes von Rosalia alpina. Anfang des 20. Jahrhunderts gab es nach HORION (1974) eine kurzfristige Ansiedlung in Dänemark auf der Insel Sjælland, sowie in Südschweden, letztmalig 1926 für Västergötland belegt.

Rosalia alpina in Deutschland nach Köhler/Klausnitzer, 1998
Status in Deutschland nach Köhler/Klausnitzer, 1998

Die Meldungen der Vorkommen aus Deutschland sind teilweise differenziert zu betrachten. Sicher ist, dass die alten Meldungen aus Rheinland-Pfalz, Hessen und dem Rheinland auf Verschleppung zurückzuführen sind. Die historischen Meldungen aus Niedersachsen (namentlich aus der Region Hannover), Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen werden von vielen Autoren auf autochthone Vorkommen zurückgeführt. Andere Autoren halten diese ebenfalls für Verschleppungen, jedoch mit kurzfristiger Ansiedlung. Setzt man diese Vorkommen ins Verhältnis zu den gesicherten Vorkommen in Baden-Württemberg und Bayern, scheint das zumindest teilweise durchaus plausibel, da die Meldungen aus Niedersachsen und Mecklenburg-Vorpommern vom eigentlichen Areal zu sehr isoliert erscheinen. Auch die Biotope entsprechen nicht den Ansprüchen, die Rosalia alpina an seinen Lebensraum stellt. Andererseits würden aber zumindest die Vorkommen in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen die Lücke zu den weiter nordöstlich gelegenen Arealen in Polen schließen und scheinen auch durch eine mögliche ursprüngliche Anbindung an Tschechische Vorkommen erklärbar zu sein. Gegen ein autochthones Vorkommen sprechen aber auch hier die Ansprüche, die der Alpenbock zumindest in Mitteleuropa an sein Biotop stellt. HORION (1974) erklärt die Verschleppung über den Transport von Langhölzern über die größeren Flüsse und somit auch über Oder und Elbe. Dadurch soll es zu einer kurzfristigen Ansiedlung gekommen sein, was durchaus schlüssig erscheint. Die Meldungen aus Niedersachsen (Hannover) und Mecklenburg-Vorpommern wären aber nur dann als autochthon zu betrachten, wenn sich das Areal des Alpenbocks lange vor der Erfassung von Insekten wesentlich weiter nördlich erstreckt hätte und sich die Art, nachdem sich für sie z.B. die klimatischen Verhältnisse wesentlich verschlechtert haben, aus den Bereichen weitestgehend zurückgezogen hätte. Diese Theorie erscheint aber nicht plausibel, da die fraglichen Bereiche keine Wärmeinseln sind oder waren. Die einzigen wirklich zweifelsfreien autochthonen Vorkommen in Deutschland befinden sich auch heute noch in Baden-Württemberg, in größeren Teilen der Schwäbischen Alb und in Bayern in Teilen des Alpengebiets.



3.   Lebensweise

Rosalia alpina bevorzugt in Mitteleuropa lichte, urständige Buchenhangwälder in Süd- und Westexposition, in montanen bis subalpinen Regionen bis 1500 m ü. NN, ziehen aber Höhenlagen zwischen 600 und 1000 m ü. NN vor. Die Käfer erscheinen etwa von Ende Juni bis Anfang September, mit einem Höhepunkt der Aktivitätszeit zwischen Mitte Juli und Mitte August. Die Entwicklung vollzieht sich in Mitteleuropa meist im Holz toter oder anbrüchiger, sonnig stehender Buchen (Fagus sylvatica), sehr viel seltener in Bergahorn (Acer pseudoplatanus). BENSE (1995) gibt für Südeuropa außer Buche (Fagus) und Ahorn (Acer) auch noch Ulme (Ulmus), Weide (Salix), Kastanie (Castanea), Esche (Fraxinus), Walnuss (Juglans), Linde (Tilia), Eiche (Quercus), Erle (Alnus) und Weißdorn (Crataegus) an. Geeignetes Brutholz sind sonnenexponierte anbrüchige oder tote Bäume, abgestorbene Äste oder Schadstellen in ansonsten vitalen Bäumen. Im Kronenbereich werden Äste von 10 cm, sonst deutlich dickere Holzpartien von wenigstens 20 cm Durchmesser belegt. In trockenem und sich zersetzendem Holz kann die Entwicklung abgeschlossen werden. Stehendes Totholz bietet in der Regel solche Bedingungen und kann über einen langen Zeitraum von bis zu 10 Jahren als Brutsubstrat genutzt werden. In liegendem Holz ist das nur der Fall, wenn es sonnenexponiert ist und ausreichend abtrocknen kann. Ansonsten verhindert hier die zunehmende Verpilzung und Vermorschung des Holzes eine Entwicklung, ebenso wie bei zu tief abgeschnittenen Stubben.

Habitat von Rosalia alpina, Schwäbische Alb, 2007


Paarung von Rosalia alpina Die Männchen besetzen auf geeignetem Brutholz kleine Reviere, die gegen Rivalen verteidigt werden und in denen es zu Kommentkämpfen zwischen konkurrierenden Männchen kommt. Nach der Paarung legen die Weibchen ihre Eier einzeln in Borkenrisse und Trockenrisse im Holz. Dabei wird die Sonnenseite bevorzugt. Die Gesamtzahl der abgelegten Eier pro Weibchen ist bisher unbekannt. Die Larven fressen im Splintholz, meist im Grenzbereich zwischen hartem und weicherem Holz, und meiden in der Regel das nährstoffarme Kernholz. Die gesamte Entwicklung dauert drei bis vier, unter besonders günstigen Bedingungen nur zwei Jahre. Im Frühjahr und Frühsommer bohren die Larven einen Schlupfgang nach außen, der wieder sorgfältig mit Genagsel verschlossen wird. Die bogenförmige Puppenkammer, in der sie sich schließlich verpuppen, wird dicht unter der Oberfläche angelegt. Die Imagines erreichen ein Alter von etwa drei bis sechs Wochen. Nach dem Schlüpfen findet man die Käfer auf dem Brutholz. Sie nehmen ausfließende Baumsäfte zu sich oder können auch beim Fraß an Laub beobachtet werden. Wohl nur äußerst selten und in Ausnahmefällen wurden die Käfer wohl auch auf Blüten wie denen von Wilder Möhre (Daucus carota) beobachtet. Der Alpenbock ist kein schlechterer Flieger als andere Bockkäfer auch, so dass es an warmen Tagen in der Mittagszeit zu Schwärmflügen kommen kann. Dabei fliegen die Käfer um die Brutbäume oder suchen neue Brutbäume und in der Nähe liegende Holzklafter auf. Die Ausbreitungstendenzen sind vermutlich aber nur recht gering, denn in der Regel wird kaum eine größere Strecke als 1000 m zurückgelegt.



4.   Häufigkeit

Früher war der Alpenbock im südlichen Mitteleuropa und Südeuropa eine Art, die so häufig war, dass sie immer wieder mit Hölzern verschleppt wurde, wie z.B. 1926 nach Västergötland in Schweden. In Tschechien war die Art in den Buchenwäldern weit verbreitet. Heute gibt es noch eine Population in Nordböhmen am Rollberg und sechs weitere Populationen im mittleren und im östlichen Tschechien. Die Metapopulation am Rollberg scheint aus drei Subpopulationen zu bestehen, von denen eine als gut entwickelt, eine als gefährdet und eine als vom Aussterben bedroht bezeichnet wird. Insgesamt gilt Rosalia alpina in Tschechien als stark vom Aussterben bedroht und genießt entsprechend hohen Schutz. In der Slowakei ist die Situation vollkommen anders. Ursprüngliche Buchenwälder sind landesweit noch zahlreich vorhanden, so dass es dort noch weit über 50 aktuelle Vorkommen gibt (SLÁMA 1998). Trotzdem genießt die Art auch hier höchste Schutzpriorität.

Auch in Österreich sind die Habitatverluste massiv. Nach der Karte von GEPP (2002) zu urteilen, haben sich die Meldungen in Österreich seit 1980 um weit über 80% verringert. Dieser deutliche Rückgang der Meldungen ist sicherlich auch darauf zurückzuführen, dass Sammler ihre Funde, wegen der Ende der 1970er Jahre erfolgten Unterschutzstellung des Käfers und den mit seinem Fang verbundenen juristischen Konsequenzen, häufig nicht mehr gemeldet haben. Zudem ist ein massiver Verlust an geeigneten Habitaten und damit auch an Vorkommen in Österreich nicht zu übersehen. In der Roten Liste der Bockkäfer Kärntens gibt STEINER (1999) Rosalia alpina als Art der Vorwarnliste an, was im deutlichen Gegensatz zu den Darstellungen von GEPP (2002) steht, nach denen man nicht mehr nur von "gefährdet" sprechen kann. Die Bedingungen in Kärnten dürften sich kaum geändert haben. Sie sind nicht besser, aber auch nicht schlechter geworden, da die Art in den bekannten Habitaten nach wie vor sehr regelmäßig zu beobachten ist. Allerdings dürfte auch hier die traditionelle Gewinnung und Lagerung geschlagenen Buchenholzes und die Anlage von Klaftern an sonniger Stelle jedes Jahr einen hohen Verlust potentieller Individuen bedeuten, und somit eine Schwächung der Populationen.

Weibchen von Rosalia alpina bei der Eiablage Bereits im 19. Jahrhundert verschwand der Alpenbock in Deutschland nach kurzfristiger Ansiedlung wieder aus dem Raum Hannover und aus Mecklenburg-Vorpommern. Die letzten Nachweise aus Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen erfolgten vor 1950. Ob diese Meldungen aber auf autochthone Vorkommen zurückzuführen sind, ist strittig und wenigstens für Hannover und Mecklenburg-Vorpommern eher zweifelhaft (siehe auch unter "Verbreitung"). Von der Schwäbischen Alb wurde er aus einem Gebiet von Immendingen bis Sigmaringen gemeldet, ein Siedlungsgebiet, über das v. d. TRAPPEN bereits 1933 von einer starken Gefährdung des Alpenbockes wegen Fällung überständiger Buchen berichtet. Auch heute noch kommt der Alpenbock im genannten Gebiet vor, hat aber seit v. d. TRAPPEN bis 1975 unter starken Bestandsrückgängen gelitten. Seitdem ist die Art zumindest aus keinem Gebiet der Schwäbischen Alb mehr verschwunden, die Populationen stagnierten. Seit etwa 1993 wird eine Erholung der Bestände auf der Schwäbischen Alb gemeldet, jedoch sind bisher keinerlei Ausbreitungstendenzen zu erkennen (BENSE et al. 2003). Meldungen aus Baden resultieren ausnahmslos aus der Zeit vor 1950, obwohl Rosalia alpina aktuell aus den historisch bekannten Bereichen gemeldet wird. Jedoch werden diese Gebiete heute dem württembergischen Teil zugeordnet. In Bayern sah die Situation bis in die 1980er Jahre extrem schlecht aus. Bis 1980 war ein Habitatverlust von fast 30% zu verzeichnen, in den 1980er Jahren, bezogen auf die restlichen besiedelten Gebiete von 1980, nochmals ein Verlust von 40%. Erst um 1990 herum stagnierten hier die Bestände. Seit etwa zehn Jahren ist auch hier eine deutliche Bestandserholung zu beobachten (BENSE et al. 2003). In der Roten Liste der Bundesrepublik Deutschland wird der Alpenbock in der Kategorie 2 geführt und somit als "stark gefährdet" eingestuft (BINOT 1998).

Der Alpenbock war in vielen Teilen Europas massiv auf dem Rückzug. Die Ursachen hierfür sind klar ersichtlich. Zum einen liegt der Rückgang in einer falsch verstandenen Waldpflege begründet, in deren Zuge kranke und tote Bäume aus den Wäldern entfernt wurden, nicht nur wegen der Verkehrssicherungspflicht, sondern auch, weil der Wald "sauber" aussehen sollte. Gerodete Buchenbestände wurden durch schneller wüchsige Fichtenmonokulturen oder andere Baumarten ersetzt. Eines der größten Probleme in heutiger Zeit dürfte nach wie vor die Gewinnung von Feuerholz aus Buchen sein. Der Einschlag der Bäume ist dabei weniger das Problem, sondern viel eher die vorübergehende Lagerung, da diese oft in Klaftern erfolgt, die meist noch unmittelbar im Wald oder in Waldnähe und in sonniger Exposition angelegt werden. Diese Holzklafter sind aber besonders attraktiv für die Käfer, da solche Klafter größere und groß dimensionierte Holzmengen an geeigneter Stelle liegend bedeuten, so dass die Weibchen verstärkt Eier an ihnen ablegen. Derartige Holzklafter haben mit ihrem Lockpotential eine nicht zu unterschätzende Fallenwirkung. Die aus den Eiern schlüpfenden Larven werden so gut wie nie ihre Entwicklung abschließen und viel mehr lange vor dem Schlupf der Käfer in Sägewerken und Kaminen enden.



5.   Schutz

Rosalia alpina Männchen Der Alpenbock wird im Anhang II der Richtlinie 92/43/EWG aufgeführt und dort als prioritäre Art eingestuft. Der europäischen Gemeinschaft kommt somit eine besondere Verantwortung für den Schutz und Erhalt dieser Art zu, was auch die Habitate betrifft. Ebenso ist die Art nach der Berner Konvention von 1979 geschützt und wird auch hier im Anhang II aufgeführt und genießt europaweit entsprechenden Schutz. Daraus folgt, dass die Käfer, ihre Entwicklungsstände oder Teile der Käfer oder der Entwicklungsstände weder gefangen oder getötet, noch gehandelt werden dürfen, sowie dass bestehende Populationen und deren Biotope unbedingten Schutz genießen. Auch nach der Bundesartenschutzverordnung ist die Art geschützt, da in dieser Verordnung die Cerambycidae als Familie in Gänze (mit Ausnahme einiger weniger Schädlinge) geschützt werden.

Meist ist aber die forstliche Nutzung der Schutzgebiete gestattet, womit der Schutz zur Makulatur wird, da jedes Jahr große Teile noch bestehender Populationen unweigerlich über die Holzklafter aus dem Schutzgebiet und somit aus dem Lebensraum herausgebracht werden, und dadurch in der Regel ihre Entwicklung nicht abschließen können. Untersuchungen durch die Eidgenössische Forschungsanstalt WSL der Schweiz haben ergeben, dass die Männchen und Weibchen bevorzugt auf langen, in der Sonne stehenden Stämmen sitzen, deren Durchmesser wenigstens 25 cm beträgt. Als Folge aus dieser Erkenntnis wird vorgeschlagen in der Nähe von Holzklaftern Stammteile von etwa 2 m Länge und mindestens 25 cm Durchmesser an sonniger Position aufzustellen. Diese Stammteile scheinen zumindest einen größeren Teil der Weibchen von den Klaftern wegzulocken, so dass diese ihre Eier in die stehenden Stammteile ablegen. Diese sollen dann im zweiten oder dritten Jahr ihrer Exposition an sonnige Waldränder verbracht werden, wo die Käfer dann schlüpfen und aufgrund der Distanz den Klaftern mehr oder weniger fern gehalten werden.

Der Schweizer Verein Pro Natura geht aufgrund dieser Ergebnisse mit einer ebenso einfachen wie scheinbar genialen, aber leider möglicherweise auch kostspieligen Idee an die Öffentlichkeit. Er offeriert allen Personen, die solche Stammteile in Gebieten, wo der Alpenbock gesichtet wird, im Juli und August aufstellen, 100 Schweizer Franken (DUELLI & WERMELINGER 2005). Kritiker sehen hierin nicht unbegründet eine Negativwirkung, welche die Probleme überdeckt und dem Schutz der Biotope und damit des Käfers eher schaden als nützen könnte. Wirklich schützen kann man die gefährdete Käferart wohl nur, wenn man beginnt den unbequemen Weg des Umdenkens zu gehen und sich von der traditionellen Methode der (Feuer-) Holzgewinnung in Siedlungsgebieten des Alpenbocks abwendet. Außerdem besteht die Notwendigkeit einer gemischten Altersstruktur der Bäume in den Habitaten, also ein Mosaik an Baumbeständen unterschiedlichen Alters. Am besten wäre es, in solchen Habitaten jeglichen Holzeinschlag zu verbieten. Da dies rein rechtlich wohl eher nicht möglich sein dürfte, sollte dem Holzbauern der Einschlag zumindest in Schutzgebieten nur unter Einhaltung bestimmter Auflagen genehmigt werden: Bereits vorhandenes Totholz ist unbedingt im Wald zu belassen, Holzklafter sind schattig oder in angemessener Entfernung zum Biotop anzulegen. Weitere Maßnahmen können die Verpflichtung sein, dass beim Einschlag wesentlich größere Stubben als üblich im Wald verbleiben (Stubben von 150 cm Höhe und mehr). Weitere Möglichkeiten bestehen in der Bepflanzung von Weideflächen mit Einzelbäumen, in Mitteleuropa sollte das am ehesten Rotbuche (Fagus silvatica) und möglicherweise auch Bergahorn (Acer pseudoplatanus) sein.



Dank

An dieser Stelle sei Herrn Ulrich BENSE für seine äußerst detaillierten Informationen zur Verbreitung des Alpenbocks gedankt. Die Verbreitungsangaben wären ohne seine Unterstützung bei weitem nicht so präzise ausgefallen. Des Weiteren danken wir Herrn Martin REJZEK für die Angaben zu Vorkommen in Tschechien und der Slowakei, Herrn Manfred EGGER für seine detaillierten Angaben und Frau Irina WÜRTELE sei einmal mehr für ihre kritische Durchsicht des Manuskripts gedankt.



Quellen

Literatur:
  1. BENSE, U.: "Bockkäfer", illustrierter Schlüssel zu den Cerambyciden und Vesperiden Europas, Margraf Verlag
  2. BENSE, U. et al. (2003): 4.10 Rosalia alpina (LINNAEUS, 1758). In: PETERSEN, B., ELLWANGER, G., BIEWALD, G., HAUKE, U., LUDWIG, G., PRETSCHER, P., SCHRÖDER, E., SSYMANK, A. (Bearb.): Das europäische Schutzgebietssystem Natura 2000, Ökologie und Verbreitung von Arten der FFH-Richtlinie in Deutschland. Band 1: Pflanzen und Wirbellose. - Schriftenr. Landschaftspfl.Naturschutz, 69 (1): 426-432; Bonn - Bad Godesberg.
  3. DUELLI, P., WERMELINGER, B. (2005): Der Alpenbock (Rosalia alpina), Ein seltener Bockkäfer als Flaggschiff-Art, Eidg. Forschungsanstalt WSL, CH-8903 Birmensdorf, ISSN 1422-2876
  4. GEPP, J. (2002): Rosalia alpina L. - Österreichs Insekt des Jahres 2001, Entomol. Austriaca 5 / 2002
  5. HARDE, K. W. (1979) in FREUDE, H., HARDE, K. W., LOHSE, G. A.: Die Käfer Mitteleuropas, Band 9, Phytophaga, Cerambycidae (Bockkäfer), S. 7-94, Verlag Goecke & Evers, Krefeld
  6. HORION, A. (1974): Faunistik der mitteleuropäischen Käfer, Band XII
  7. KÖHLER, F. & B. KLAUSNITZER (1998): Verzeichnis der Käfer Deutschlands - Entomofauna Germanica, Dresden
  8. NIEHUIS, M. (2001): Die Bockkäfer in Rheinland-Pfalz und im Saarland, GNOR-Eigenverlag, Mainz
  9. SCHENKELING, S. (1917): "Erklärung der wissenschaftlichen Käfernamen aus Reitter's Fauna Germanica", K. G. Lutz' Verlag, Stuttgart
  10. SLÁMA, M. (1998): Tesaříkovití - Cerambycidae, Česiré republiky a Slovenské republiky (Brouci - Coleoptera), S. 95-97
  11. STEINER, S. (1999): Rote Liste der Bockkäfer Kärntens, Naturschutz in Kärnten 15: 269 - 286, Klagenfurt

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